LENG-ZUR-DEMUT

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Hermann-Otto Leng
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Die Furcht des Bürgers vor der Demut

Einleitung/zum Thema: Was ist Demut?

Die Grenzen der bürgerlichen Toleranz

Leider war ich wieder so unklug ins Grundsätzliche abzugleiten. Ein pfiffiger Kopf tut das nicht. Er bleibe gefälligst distanziert, doppelbödig, selbstironisch etc.; kurzum der rechte Witz sollte immer dabei sein – gerade an einer Lichtenbergschule.

Diese Haltung hat einen Hintergrund, eine geheime Übereinkunft unter uns Bürgern, sie lautet: alles steht zur Disposition. Wir reden und wir streiten – und binden uns hierbei letztlich an nichts und niemanden. Toleranz ist unser Leitmotiv, freiheitliche Toleranz. Die Schwierig-keit für mich ist hierbei, dass gerade die korrigierende Frage nach der Bindung, der Bindung an Werte mein Hintergrundthema sein soll.

Außerdem gibt es zwei Bereiche, wo die bürgerliche Toleranz weitgehend zum Erliegen kommt.

Erstens der nervus rerum, sprich Geld und Macht. Über Werte lässt sich trefflich diskutieren, ja wir sind geradezu eingeladen dies zu tun. Über Geld und Macht spricht man nicht, zumindest gilt dies als unschicklich.

Ausgeklammert bleibt zweitens der Bereich der Metaphysik und der Religion; mein Gott, das ist doch in einer bürgerlichen Gesellschaft nun wirklich Privatsache. Bitte keine Heilslehren! Auch ich werde natürlich keine solche hier auspacken, wenngleich ich mich dagegen aussprechen möchte diese beiden Bereiche bei einer Diskussion ethischer Fragen zu tabuisieren.

Das Projekt der Moderne

Eine einführende Erläuterung der beiden Begriffe ‚Furcht’ und ‚Bürgertum’ muss nicht erfolgen. Hierüber haben wir alle eine hinlängliche Ahnung und Erfahrung. Aber was ist Demut? Dies erscheint dunkel.

Genauer, es ist dies in einer beispiellosen Anstrengung, mit einer imponierenden Hartnäckigkeit in den letzten 500 Jahren verdunkelt worden. Diese letzten 500 Jahre, gesamthistorisch betrachtet zwar nur ein bescheidener Zeitraum, lassen sich als das Projekt der Moderne bezeichnen. Und es spricht vieles dafür, dass sich dieses Projekt seinem geschichtlichen Ende zuneigt. Im Volksmund: Hochmut kommt vor dem Fall.

Es gehört zu den Raffinessen dieses Projekts, dass es dem Einzelnen stets neue und wechselnde Kampfplätze bietet. Struggle for life in einer winner und loser Gesellschaft. Die Evolutionspsychologie zeigt auf: von der Steinzeit her sind wir noch immer Krieger und Kämpfer, Überlebenskämpfer. Wir brauchen sie, die Siege und die Niederlagen. Die Botschaft der bürgerlichen Gesellschaft lautet auf diese Niederlagen trotzig zu reagieren, sie nicht als Lektionen der Demut zu begreifen.

Demut keine Verstandestugend

Empfindungsmäßig erscheint die Suche nach der Demut als eine Wanderung in ein eher dürres Land. Dorthin, wo es keine großen Versprechungen gibt, weder politische, noch soziale, noch religös-erlösende. Der am modernen bürgerlichen Rationalismus geschulte Verstand, der an sich gern herumturnt, reagiert auf die Demut denn auch abwehrend: „Lass’ das, das rechnet sich nicht, es bringt nichts.“

Aber ich habe eine dringliche Vision von Demut. Nicht dass ich sie ergriffen hätte, aber ich jage ihr nach um mit dem Apostel Paulus zu reden. Andererseits soll ja der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein exzellenter Pragmatiker, der sich eines großen Sachverstandes rühmen durfte, gesagt haben: „Wer Visionen hat, gehört in die Psychatrie.“

Gleichwohl mag es auch für mich als Bürger trostreich sein, dass es Bereiche gibt, die sich gegen den Rationalitätstopos sperren. Gleichzeitig fürchte ich diese Bereiche.

Die Demut entzieht sich in essentiellen Teilen dem Diskurs und kann intersubjektiv nicht vereinbart werden. Die zur Zeit in Blüte stehende liberale und moderne Vertragsethik (Rawls) kann mit ihr, wie mit der Tugendethik überhaupt, nichts Produktives anfangen. Demut ist schon sprachlich nur schwer fassbar, sie ist kein Produkt des Verstandes oder der Vernunft. Sie ist eine geistig-seelische, eine menschliche Potenz, und ihr Gehalt ist zugleich präexistent. Sicherlich ergeben sich aus solchen Aussagen erkenntnistheoretische Probleme. Diese können hier nicht aufgegriffen werden.

Abwehrhaltungen

Ihrer Natur nach muss die Demut den ganzen Menschen ergreifen. Wie könnte es da verwundern, dass ihr ein weitgespannter Bogen von Vorbehalten entgegensteht. Die wesentlichen sind: Zunächst das allgemeine, das zeitlose menschliche Bedürfnis nach Selbstachtung, nach Selbstwertgefühl, nach Selbstliebe. Ein schützenswertes Gut, wie es in unseremGrundgesetz ja auch zum Ausdruck kommt. Zum weiteren nährt sich eine wesentliche Abwehrhaltung aus dem aristokratischen Umfeld der „Ehre“, wurzelnd in der griechisch-römischen Antike.

Schließlich der bürgerliche Impetus: die (Sehn)sucht nach Selbstbestimmung, nach Persönlichkeitserweiterung durch geistige, emotionale und materielle Aneignungsprozesse und nach Emanzipation und Freiheit.

Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften aber wurde die Demütigung, die Erniedrigung, dieser Missbrauch des Bedeutungsgehalts der Demut, verachtet. Mir ist da ein sehr schönes Beispiel aus dem indischen Mahabarata vor Augen, mit dem jeder Hindu aufwächst.

In unserer heutigen Zeit spielen natürlich auch antichristliche Vorbehalte eine Rolle, weil das Christentum so vorbehaltlos den Aspekt der Erniedrigung vor Gott bis hin zur radikalen Nichtigkeit der eigenen Person in seine spezifisch geprägte Hochwertung der Demut aufgenommen hat.

Keine spezifisch christliche Tugend

Entgegen den Texten in fast allen philosophischen Wörterbüchern und Lexika teile ich allerdings nicht die Auffassung, dass die Demut eine spezifische Tugend oder gar Erfindung der christlichen Lehre ist. Sie gehört, wie schon angedeutet, zu dem Bereich, den der Kollege Henning Schmidt die ewigen, die uns vorgegebenen Werte nannte und wogegen sich das anthropozentrische Denken der Moderne sträubt.

Friedrich Nietzsche ist ein gutes Beispiel für die heidnische Demut aus neuerer Zeit. Nietzsche war ja besessen von seinem Kampf gegen das Christentum. Auf diese Besessenheit geht wohl das missverständliche Postulat vom Übermenschen und die Lehre vom Willen zur Macht zurück, auch seine verächtlichen Bemerkungen über die christliche Demut.

Auf der anderen Seite steht seine Geschichtsphilosophie, und dort spricht Nietzsche von der „Ewigen Wiederkehr“, der ewigen Wiederkehr des Gleichen. In dieser Haltung kommt eine tiefe Demut zum Ausdruck. Jenseits aller Erlösungswünsche und Hoffnungen richtet der Philosoph sich aus nach dem amor fati. In den Dionysos Dithyramben finden wir:

Voll Katzenmutes

Durch jedes Fenster springend

Husch! In jeden Zufall ...

Es ist dies nicht die Haltung eines narzisstisch selbstverliebten, im Selbstmitleid gefangenen Fatalisten, sondern die eines immerhin möglichen Menschen, der in aller Demut und gerade durch sie frei und stark sein kann. Am Ende lautet der Schlüsselsatz bei Nietzsche: „Ja so, genau so, wollte ich es.“

Wert oder Tugend?

Die Frage, ob denn die Demut ein Wert oder eine Tugend sei, lässt sich bündig mit Platon beantworten. Jede Tugend ist immer zugleich ein sittlicher Wert, und der Wert ist uns aufgegeben als Tugend. Es geht im Kern stets um eine Distanzierung von einer bloßen Ausrichtung auf unser Ego, mithin um unser ureigentliches Wollen. Dieses Tugendverständnis ist allerdings nicht das Gleiche wie dasjenige, welches das frühe Bürgertum hervorgebracht hat. Am deutlichsten zugespitzt bei Nicolo Machiavelli im frühen 16. Jh. Für eine Tugend als Tüchtigkeit, die auf den vorzeigbaren diesseitigen Lebenserfolg ausgerichtet ist, will die Demut nicht taugen. Sie ist weder erfolgs- noch leistungsorientiert.

Die Frage nach dem Verhältnis der Demut zur Bescheidenheit lasse ich hier außer Acht. Ich habe den Verdacht, dass mit der Betonung der Bescheidenheit lediglich eine bürgerliche Verwässerung des Demutproblems verbunden ist, z. B. bei Otto Friedrich Bollnow. Bescheidung kann aus Demut erfolgen, wogegen die Bescheidenheit in die Nähe eines haushälterischen Verhaltens, in die Nähe der Kalkulierbarkeit rückt.

Wer nach den trauten Geschwistern der Demut sucht, wird fündig bei der Dankbarkeit, der Gelassenheit und dem Humor, eingeschlossen das Lachen über sich selbst. Auch die altchinesische Tugend P’u , die Schlichtheit, wäre zu vertiefen.

Der Rückgriff der Vertragsethiker auf einen transcendenten Bereich

Kant überrascht vielleicht manchen damit, dass er im Gegensatz zu seinen frührationalistischen Vorläufern, ich nenne als Beispiel Baruch Spinoza, die Notwendigkeit der Demut anerkennt. Er benötigt sie konstitutiv für seine Pflichtethik. Auch John Rawls, dessen am kantianischen Denken geschulter Entwurf einer Vertragsethik in unserer Zeit als besonders modern favorisiert wird, kommt ohne einen transzendenten Bereich letztlich nicht aus. Rawls greift zurück auf das Kriterium der Fairness, er ist Angelsachse. Fair bleiben, da steckt ein gehöriges Stück Demut drin, zuwenigst bezogen auf den zwischenmenschlichen Bereich.

Kontemplation statt aneignendem Lernen

Der Akt des Transzendierens unseres je vorhandenen Bewusstseins erfordert Muße. Demut kann als Wissen nicht erworben werden. Bei Aristoteles heißt es in der Nikomachischen Ethik (VI. Buch, Anf. des 10. Kapitels): „Man muss nun auch fragen, was die Wohlberatenheit sei... Eine Wissenschaft ist sie nicht.“ Demut gehört insofern in den Bereich der aristotelischen Weisheit, als sie nicht auf ein Hervorbringen (poiêtiké) abzielt. Moderner ausgedrückt, sie ist nicht kapitalisierbar. (Vgl. Aristoteles, Metaphysik, I. Buch, Kap.2.)

Demut „geht uns über die Hutschnur“. Nehmen Sie den Hut ab, legen Sie die Hände in den Schoß und besinnen sie sich. Sie können dies auch Kontemplation nennen, betrachtendes Erkennen, Einsicht. Das geht auch gemeinsam, auch im Gespräch, auch in der Schule; Sternstunden im Unterricht.

Ratespiel

Schwebe ich jetzt ab? Nun denn, hier ein eher handfestes Ratespiel: Was ist, zumindest nach der Meinung einiger Denker, der eigentliche Antipode zur Demut, der Gegenfüßler sozusagen?

Wo die Demut schwindet, wächst die ........................................an.

Versuchen Sie hierbei über ihren Verstand hinauszudenken, sonst verfehlen Sie es. Die Lösung lautet: Wo die Demut schwindet, wächst die Dummheit an. Mit ‚Dummheit’ ist hier natürlich nicht die landläufige Unwissenheit gemeint sondern ein Mangel seelisch-geistiger Qualität.

Eindrucksvoll bildhaft wird das Gemeinte im Rad des Lebens aus dem Totenbuch der Tibeter dargestellt. Das Lebensrad wird in der Nabe angetrieben von einem Schwein, einem Hahn und einer Schlange. Diese drei jagen uns durch das Leben. Das Schwein, dieses wissbegierige, scheinbar kluge Trüffelschwein, ist der oder das Dumme hierbei. Unermüdlich ist es am Wühlen.

Die Erfahrung der Grenze

Für diesen Zusammenhang sollte ich einen Satz aus dem Vortrag der Schülerinnen Leona Malorny und Carina Mihr zitieren: „ Es ist an der Zeit, dass der Mensch seine Grenzen erkennt.“ Ich habe diese Aussage zweier Vertreterinnen der nachkommenden Generation als eine Mahnung zur Demut empfunden. Selbstbegrenzende Selbstüberwindung erfordert Demut. Robert Spaemann nannte dieses Moment eine reflektierte Achtung des Realitätsprinzips. Egon Bahr, der Politiker Egon Bahr, sagte: „Demut ist Einsicht.“ Und der Ausspruch, „Dummheit ist ein Mangel an Demut“, stammt von dem polnischen Schriftsteller Andrzej Szczypiorski (abgedruckt bei U. Wickert, Das Buch der Tugenden).

Nun darf als ausgemacht gelten, dass kleine Kinder keine Demut kennen. Andererseits ist es sicherlich ein Vorurteil zu sagen, Demut sei nur etwas für alte Leute, ohne gesellschaftliche Relevanz. Kleinen Kindern ist es natürlicherweise zunächst einmal aufgegeben die Welt, in die sie hineingeboren wurden, zu erobern, egoistisch.

An diesem Eroberungswillen fraglos festzuhalten, nicht akzeptieren zu können, dass es Grenzen und eine Metaebene gibt, zeugt von einem Mangel an Einsicht. Die Renaissancemenschen waren in ihrer Mehrzahl so dumm, und es irritiert mich schon, dass Amerika sich als Inkarnation der bürgerlichen Freiheit verstehend unablässig das Banner der jugendlichen Frische, ja der Kindlichkeit, zusammen mit seiner Fahne vor sich herträgt.

Die Mesoteslehre des Aristoteles

Unternehmen wir einen letzten Versuch im Bereich des Begriffsdenkens zu klären, was Demut bedeutet. Es liegt nahe auf die Mesoteslehre des Aristoteles zuzugreifen. Die Grundüberlegung des Aristoteles ist im Prinzip einfach: der wahre Gehalt einer Tugend, bzw. eines Wertes kann dadurch aufgefunden werden, dass man die beiden Extreme in den Blick nimmt, in die der Wert abzugleiten droht.

Dank der deutschen Sprache, die hier sehr plastisch ist, fällt es leicht diese Übung auf die Demut anzuwenden. Demut liegt jenseits von Hochmut und jenseits von Kleinmut. Im Griechischen wird der Hochmut bekanntlich als Hybris bezeichnet, als der Frevel sich gottgleich zu machen, und die Unterwürfigkeit galt als ein sklavisches Verhalten.

Nun aber kommen die Schwierigkeiten, bereitet doch allein schon die klare Einsicht in die beiden Extreme große Probleme. Auch Aristoteles quält sich; seine Sprache wird umständlich und spröde, sobald er über ein paar gängige Beispiele hinaus seine Mesoteslehre zur Anwendung bringen will. Die beiden Extreme wehren sich, sie wollen als Extreme nicht gelten, sie maskieren sich, sie verfügen über ein Arsenal von Rechtfertigungen.

Zudem können wir gar nicht überleben ohne einen gehörigen Anteil an diesen Extremen zu hegen und zu pflegen. Ja doch, Kleinmut an den Tag zu legen ist oft nützlich, wir sind hier und dort unterwürfig, kriecherisch, opportunistisch – weil das von uns erwartet wird, weil wir einen Vorteil für uns darin sehen, weil wir ein zu schwaches Ich haben um ohne eine gehörige Portion Autoritären Charakters überleben zu können.

Und gleichzeitig sind wir stolz auf unsere Selbstachtung und auf unsere Würde bedacht. Ach wir schwanken hin und her. Eigenverantwortung belastet, Fremdbestimmung entlastet und frei sein wollen wir allemal. Wir verteilen Streicheleinheiten an uns und unsere Mitmenschen, weil wir und sie die Eitelkeit benötigen, denn diese ist eine Kraftquelle. Sie kennen dieses Spiel zur Genüge.

Wir suchen die Mitte und pendeln doch nur zwischen den Extremen. Näher betrachtet ist diese Mitte auch gar keine ‚Mitte’ sondern etwas Höheres. Die Mesoteslehre des Aristoteles liegt fernab vom bürgerlichen Kompromissdenken.

Dieser Klassiker der Philosophie hat zugleich darauf hingewiesen, dass es einen guten Indikator gibt, inwieweit sich ein Mensch der neuen Qualität dieser sogenannten Mitte annähert: nämlich die Diffamierung durch die Vertreter der beiden extremen Lager, mithin also durch die Mehrheit unserer geschätzten Mitmenschen. Es ist kein bequemes Los einen Weg jenseits von Hochmut und Kleinmut zu suchen.

Wenn Sie also im gegenwärtigen Moment glauben, ich hätte Sie immerhin deutlich damit beeindruckt, dass die Demut wohl doch ein erstrebenswerter Wert sei, dann rate ich zur Vorsicht. Vermutlich verfangen Sie sich in einer Selbsttäuschung.

Hinzu kommt, wer sich um den Kern der Demut bemüht, darf den Zeitgeist nicht außer Acht lassen, in dem er doch gegenwärtig lebt. Fünfhundert Jahre Bürgertum lasten auf uns. In einer anthropozentrischen Welt, ausgerichtet auf ein Verständnis von Glück, wie es der große John Locke vorgegeben hat, droht dem Wanderer in die Demut der Verlust der warmen Decke des Dazugehörens. Demut provoziert, dies steht außer Frage. Ich möchte dies mit der folgenden

Problembezeichnung aufgreifen

„Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen und Spähen umsonst.“

Ein Ausspruch Christian Morgensterns. Wie kommt Morgenstern dazu dies zu behaupten? Besonders ärgerlich für einen kritischen Analytiker ist ja die pauschale, ausladende Art, in der er dies tut.

Leitfrage 1

Worüber entrüstet sich der Bürger und wie rüstet er auf ?

Die Provokation, die von dem Morgenstern-Zitat ausgeht, wird man nur auf der Grundlage des bürgerlichen Lebensentwurfs nachvollziehen können. Dieser müsste deshalb näher ausgeleuchtet werden, ein Unterfangen, das in dem hier vorgegebenen Rahmen nicht realisiert werden kann. Ich beschränke mich auf einige ganz wenige Andeutungen.

Das aufstrebende Bürgertum entrüstete sich über seien Mangel an Rechten, über die Steuerlast, über den parasitär lebenden Adel, über die Herrschaft der absoluten Monarchen, über die Autorität der Kirche, über den mittelalterlichen Schlendrian und über die Dummheit der Bauern. Dies alles ist hinlänglich bekannt, es steht in jedem Schulbuch zum Geschichtsunterricht.

Weniger deutlich steht die Aufrüstung des Bürgertums vor Augen. Diese aber bedeutet die eigentliche Kopernikanische Wende. Peter Sloterdijk hat sie als Kopernikanische Mobilmachung bezeichnet. Das zentrale Moment dieser Aufrüstung ist der Zwang zum systematischen Erfolg.

Immanuel Kant hat die Selbstüberforderung, die im bürgerlichen Lebensentwurf liegt, durchaus gesehen. Aber die Aufklärer waren insgesamt nicht in der Lage daraus einschneidende Konsequenzen zu ziehen. Kant sprach vom „bloß Negativen“, welches die Aufklärung eigentlich ausmacht. Diese Sicht Kants kann geradezu als eine Einladung zur Furcht empfunden werden.

Leitfrage 2

Gab und gibt es einen Wertewandel?

Der Aufstieg des Bürgertums, besonders ab dem 16. Jahrhundert, bedeutete eine geistesgeschichtliche Zäsur. Dies steht außer Frage; aber war es ein Wertewandel im Sinne der biblischen Verheißung, „siehe, ich mache alles neu!“ (Offb. 21/5)? Kann es einen solchen Wandel der Werte überhaupt geben? Auf den ersten Blick müsste diese Frage mit einem Ja beantwortet werden.

Ständig von einem Wandel zu sprechen gehört andererseits zum bürgerlichen Jargon. Das Wort „Wandel“ umhüllt die Fixierung auf den Fortschrittstopos. Vorangetrieben durch die Aufklärung haben besonders die Werte „Mündigkeit“ und „Verantwortung“ einen zentralen Platz in unserem persönlichen und im gesellschaftlichen Bewusstsein eingenommen.

Einen ‚Wandel der Werte’ als solchen gibt es aber meines Erachtens nicht. Mag sein, dass wir meinen die Gotteskindschaft überwunden zu haben zu haben, verlassen auch die aristokratische Sicht des Altertums, nach der die hohen Werte nur wenigen, den Edelsten, überhaupt zugänglich waren. Die Ausrichtung des bürgerlichen Kaufmannsgeistes ist prinzipiell demokratisch und auf eine nicht endende Emanzipation bedacht.

Gesellschaften verändern sich, wir beschreiten Wege und Irrwege, auch Holzwege würde Martin Heidegger sagen. Eingebunden aber bleiben wir in die grundlegenden Bedingungen unserer Menschlichkeit. Hybris war, wie gesagt, der Frevel, sich den Göttern gleichzumachen. Aber selbst die altgriechische Götterschar konnte für sich selbst nicht diejenige Autonomie und Demokratie in Anspruch nehmen, von der der Bürger träumt.

Wir verdrängen, verleugnen, verlachen Werte, wir lassen sie verkümmern, aber ihren Gehalt vermögen wir ihnen nicht zu nehmen. In der Erfahrung der Krise wenden wir uns um, auch zurück, uns auf Ursprünge besinnend ohne Ende. Dieser unserer Unzulänglichkeit, unserer Menschlichkeit, wollen wir uns stellen, nicht fatalistisch, aber auch nicht in blindem Stolz. Von einem Wertewandel im Sinne eines Wandels der Werte zu sprechen zeigt Hochmut an. Der Ausspruch Christian Morgensterns, eingangs als Problem bezeichnet vermag so betrachtet kaum noch zu provozieren.

Der wissenschaftspropädeutischen Ordnung halber weise ich noch darauf hin, dass ich mir soeben die Position von Max Scheler und Nicolai Hartmann zueigen gemacht habe. Deren Kritik am Formalismus und Subjektivismus Kants ist zwar einleuchtend, konnte sich aber in unserer anthropozentrischen Verstandeskultur nicht durchsetzen. Beschleicht uns doch die Furcht, sobald wir uns auf Sichtweisen jenseits des Athropozentrismus, des dualistischen Denkens und der beweisenden Rationalität einlassen.

Resümee

Lässt sich die bürgerliche Furcht überwinden?

Die Sehnsucht nach Wertorientierung, heute allenthalben spürbar, kann erst fruchtbar gemacht werden, wenn es uns gelingt die inneren Vorbehalte und Befürchtungen, die den nichtbürgerlichen Werten entgegenstehen, aufzuhellen. Diese Befürchtungen haben ihre Geschichte. Eine Auseinandersetzung mit der Demut schien mir hierfür ein grundlegendes Beispiel zu sein.

Ohne den Blick auf die Folie der Geschichte bleibt alle Kritik an den gegenwärtigen Zuständen ein bloßer Kassandraruf. Auch dieser oder jener Lösungsvorschlag, als solcher sicherlich gut gemeint, läuft so ins Leere. Es gilt die historische Genese aufzuarbeiten und von daher eine umfassendere Ideologiekritik des bürgerlichen Lebensentwurfs möglich zu machen, die nicht ihrerseits den bürgerlichen Hoffnungen und Ängsten unterschwellig verhaftet bleibt. Aus der Perspektive der Demut können sich viele dieser Befürchtungen und Erlösungswünsche als ein Mangel an Achtsamkeit, ja als Dummheit erweisen. Diesen Analyseansatz habe ich mit meiner Leitfrage 1 versucht anzudeuten.

Verbunden hiermit ist selbstredend ein ganzes Ensemble philosophischer und sozialwissenschaftlicher Fragen, die ich hier im Resümee natürlich nicht mehr auch nur benennen kann. Eine mühsame, aber unerlässliche Kleinarbeit. Das Menetekel des Umschlags von einem Extrem in das andere, nämlich die Abkehr von allem Bürgerlichen als Kulturentwurf schlechthin, droht als große Gefahr.

Lichtenberg hat einmal ausgerufen: „Alles ist Ordnung!“. Bewaffnet mit seinem nächtlichen Hintersinn (und vermutlich mit einem Glas Rotwein) schob er sogleich die ängstliche Frage nach, „Aber was ist Ordnung?“.

Hier zeigt sich das Dilemma des bürgerlichen Lebensentwurfs, das Verharren in einer „sekundären Welt“ (Botho Strauß). „Ordnung“ ist ein sekundärer Begriff, er trat nach der Kopernikanischen Wende an die Stelle von „Sinn“. Am Ende muss sich dieser Bürger den „Fliegen des Marktes“, eine Metapher Friedrich Nietzsches, überantworten. Der „Markt“ aber ist seinerseits eine irrationale Größe. Dass dies in der Folge zu seelisch-geistigen Blockaden führen muss, zu tiefsitzenden Befürchtungen und Ängsten, Egoängsten, ist nachvollziehbar.

Trotziger Rückzug bereitet gegebenenfalls den Umschlag in das „andere Extrem“ nur vor. Deshalb scheint mir weder der Weg zurück in eine archaisch-heroische Zeit offen, wie ihn Ernst Jünger und neuerdings eben Botho Strauß beschwören, noch sehe ich die Möglichkeit einer geschlossenen Rückkehr in religiös-kirchliche Lebensmuster mit ihren traditionellen Bindungen. Auch dem Schritt in die Nischen des Privaten, als Verlockung in jedem von uns immer wieder aufflackernd, fehlt die Demut.

Wir können offenbar auch gar nicht mehr weg oder zurück, müssen vorher zusammenzubrechen. Peter Sloterdijk hat es in der richtigen Weise zugespitzt: Es gibt keine Wahl zwischen einer Wende, wie sie Erich Fromm, Fritjov Capra und andere so eindrucksvoll gefordert haben, mehr. Selbst um den Preis des Untergangs haben wir uns diesem unseren Lebensentwurf verschrieben. Wir harren aus - und genießen.

Die materielle Erfolgsgeschichte der Akkumulation des Kapitals, der Wissenschaft, der Technik und die Erfolgsgeschichte der tatsächlichen oder der vermeintlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums haben uns süchtig gemacht, ohne dass wir uns dies eingestehen.

So werden die Lektionen an Demut, die uns bevorstehen, hart ausfallen. Mag sein, das es uns noch gelingt uns für diese Lektionen geistig zu wappnen, damit es nicht zum Menetekel des Umschlags kommt. Die historische Erfahrung spricht dafür nicht.

Vieles vom bürgerlichen Lebensentwurf bleibt ja bewahrenswert: die Rule of Law, das Demokratie- und Gleichheitsgebot, die Bejahung des Individuums und die Unantastbarkeit seiner Würde, die Disziplin und Sachlichkeit, das Abmelken der Ratio, solange sie Milch gibt und anderes mehr.

Trösten wir uns mit dem Fortgang der Geschichte und damit, dass es, wie bei Leitfrage 2 kurz ausgeführt, einen Wandel der Werte ja gar nicht gibt. Sie bleiben, und es gibt auch ein richtiges Leben im Falschen, wie der Film american beauty illustriert hat. Sicherlich werden uns spätere Jahrhunderte in mancherlei Hinsicht belächeln, wie wir heute die spätrömische Kaiserzeit. Aber es gab zu dieser Zeit auch einen Seneca und einen Marc Aurel.

Die Überwindung der Furcht vor der Demut ist demnach ein Akt der Demut selbst. Es ist ein Mut zum „Zurückbleiben“, wie Nicolai Hartmann es nannte, nicht aus Resignation oder aus Erniedrigung, sondern als die gewollte Bindung an eine Wertebene, die das Subjekt und sein Regelwissen übersteigt. Zugleich ist es ein Loslassen aller Hoffnung auf Erlösung, auch nicht einer solchen durch die weltliche Hintertür.

Solange der Bürger in uns allerdings meint, das Leben nicht wollen zu sollen sondern es bewältigen zu müssen, sehe ich diesen Ausweg leider nicht.